TASCHEN

Sammlung: Casassola und Dunkle Materie.

 Dunkle Materie.

Aber die Dichte dieser Materie
bedingt unser Schicksal
zwischen einer langsamen kosmischen Einsamkeit
und dem Pulsieren von Milliarden Jahren
eines pulsierenden Universums
das zuerst stirbt und dann neu beginnt.
(….)
Das Wesentliche liegt jenseits der Erscheinungen
jenseits des Ereignishorizonts
wo selbst die Zeit nicht existiert
es liegt in der dunklen Materie
der Tinte, aus der dieses Schreiben
meines Werkes gemacht ist.

Gianni Darconza

„Die dunkle Materie ist der Same des Werdens,

in den Schatten liegt das Wesen der menschlichen Seele,

denn dort schlägt die Stille

und wartet auf den Hauch des Lebens,

auf die Explosion, die Licht erzeugen wird.“

Enmanuel Lasker.

 

„Es ist Zeit, all den Staub abzulegen, 

der deinen Herzmuskel altern ließ.“

„Wohin wirst du sonst die Ruinen und Überreste und den Schutt 

 all dieser dunklen Materie tragen, die dein Herz lähmt?“

Carlos Villacorta


 

Der Begriff „Dunkle Materie“ bezeichnet in der Kosmologie eine hypothetische Materieform, die etwa neunzig Prozent der Gesamtmasse des Universums ausmachen würde, aber unsichtbar bleibt, da sie nicht mit Licht wechselwirkt. Ihre Existenz lässt sich nur durch ihre Effekte ableiten: gesichtslose Gravitationskraft, unsichtbare Präsenz, formlose Struktur. Diese instabile und faszinierende Vorstellung bildet den konzeptuellen Ausgangspunkt der neuen Gemäldeserie von Raúl Casassola, der den Begriff nicht zur Illustration wissenschaftlicher Phänomene nutzt, sondern um die dunklen, unsichtbaren und ungreifbaren Bereiche der menschlichen Erfahrung zu hinterfragen.

In diesem Projekt verwandelt sich die wissenschaftliche Metapher in eine poetische und ontologische Plattform. Casassola schlägt ein Terrain vor, auf dem die bildnerische Materie zwischen Offenbaren und Verbergen schwankt, wo das Bild als leuchtendes Ereignis innerhalb eines dichten, tiefen und abstrakten Feldes entsteht, das es trägt. Die Malerei wird so zu einer Reflexion über das, was nicht gesehen werden kann, aber dennoch die Struktur der Welt zusammenhält: das, was weder Körper noch Form hat, aber ohne das nichts manifestiert würde.

Die erste Annäherung an diese Werke erinnert unweigerlich an die Totenporträts von El Fayum, die im griechisch-römischen Ägypten zwischen dem 1. und 3. Jahrhundert n. Chr. entstanden. Diese Gesichter – frontal dargestellt, intensiv präsent, in einem Blick verharrend, der die Zeit überdauert – strebten danach, den Verstorbenen in die Ewigkeit zu begleiten. Ihre Funktion war liminal: Sie befanden sich zwischen der Welt der Lebenden und der Toten, zwischen dem Sichtbaren und dem Verborgenen.

Casassolas Gemälde treten in Dialog mit dieser Tradition, nicht durch wörtliches Zitieren, sondern durch eine tiefe Affinität: die Idee des Porträts als Schwelle, als Verdichtung von Erinnerung und Materie, als Kontaktpunkt zwischen zwei Dimensionen. In beiden Praktiken ist die Kraft des herausfordernden Blicks spürbar, die emotionale Dichte eines Gesichts, das nicht ganz unserer Zeit angehört, und vor allem die Präsenz eines Hintergrunds, der keine bloße Begleitung ist, sondern ein symbolischer Raum, der voller Spannung und Bedeutung ist.

In Materia Oscura taucht die Figur aus einem Hintergrund auf, der kein bloßer Träger ist, sondern eine aktive, vibrierende, fast tellurische Masse. Die dunkle, geschichtete und dichte Malerei erzeugt eine Umgebung, in der das Bild um seine Behauptung kämpft. Es ist kein gewaltsamer Kampf; es ist die Darstellung eines Prozesses: der Augenblick, in dem eine Form auf die Möglichkeit ihrer Existenz trifft.

Das Licht – das in diesen Bildern eher aus dem Inneren der Materie zu entspringen scheint, als es von außen zu beleuchten – verleiht den Gesichtern einen skulpturalen Charakter. Es ist ein Licht, das modelliert, das zu einem langsamen Betrachten einlädt, das eine Präsenz formt, die sich innerhalb des abstrakten Chaos, das sie umgibt, behauptet. Diese Beziehung zwischen Figur und Hintergrund artikuliert die zentrale Dialektik des Projekts: das Sichtbare und das Unsichtbare als komplementäre Kräfte, wobei jede für die Existenz der anderen notwendig ist.

Die Verwendung des Begriffs Dunkle Materie suggeriert eine Annäherung an Grenzgebiete zwischen Wissenschaft und Metaphysik. Die Quantenphysik, die eine Welt beschreibt, in der Materie Energie, Wahrscheinlichkeit oder Vibration sein kann, führt Begriffe ein, die sich der Alltagsslogik entziehen und neue Formen der Vorstellungskraft erfordern. Casassola findet hier ein fruchtbares Feld: die Idee, dass die Realität weitaus größer, komplexer und mysteriöser ist, als wir wahrnehmen können. Der Künstler macht die wissenschaftliche Referenz jedoch nicht zu einem bloßen konzeptuellen Augenzwinkern. Sein Werk spricht eine emotionale und spirituelle Ebene an: Es deutet darauf hin, dass es Bereiche des Seins gibt – Erinnerung, Verlangen, Angst, Identität –, die als innere dunkle Materie wirken, unsichtbare Kräfte, die unsere Weltwahrnehmung prägen. Die Porträts von Materia Oscura scheinen über diese doppelte Bedingung nachzudenken: die des Individuums als konkrete Präsenz und gleichzeitig als Territorium unzugänglicher Tiefen. In dieser Spannung liegen die Kraft und die symbolische Potenz der Serie.

Nach einer langen Phase der Hingabe an den öffentlichen Raum durch große Wandgemälde kehrt Casassola ins Atelier zurück und begibt sich in einen Prozess der Besinnung und Konzentration. Diese Verlagerung vom Äußeren ins Innere transformiert seine Praxis. Das Monumentale wird durch das Intime ersetzt; das Expansive durch das Verdichtete. Die Malerei wird zu einer Übung der Introspektion und Entdeckung, zu einer Erforschung von Territorien, die nicht die sichtbare Welt beschreiben, sondern in die Schichten eindringen wollen, die sie tragen. Diese neue Phase beinhaltet eine Annäherung an die malerische Materie als lebendigen, wandelbaren Organismus, der mit symbolischen Resonanzen ausgestattet ist. Der Künstler arbeitet mit Geduld und Überlagerung, so dass die Malerei zu einem Raum der fortschreitenden Offenbarung wird.

Obwohl die Serie Bezüge zur Barockkunst herstellen kann – durch ihre dramatische Lichtführung oder ihre expressive Behandlung der Materie –, orientiert sich ihr Geist deutlicher an einer mittelalterlichen Sensibilität: jener, in der das Kunstwerk als Vehikel zu einer größeren Realität verstanden wurde, nicht als Behauptung individueller Autorenschaft. In diesem Sinne sucht Materia Oscura nicht konkrete Subjekte darzustellen, sondern auf eine universelle menschliche Bedingung anzuspielen.

Das Werk fügt sich in dieses Kontinuum ein, in dem Figur und Abstraktion keine Gegensätze sind, sondern unterschiedliche Momente derselben kreativen Geste. Casassolas Gesichter scheinen auf halbem Weg zwischen Präsenz und Auflösung, zwischen Körper und Symbol, zwischen Leben und Transzendenz zu existieren.

Jedes Gemälde befindet sich an der Schwelle dessen, was benannt werden kann. Das Bild bietet sich als Frage an, nicht als Antwort. In diesem Sinne kann Materia Oscura als Einladung verstanden werden, bei dem zu verweilen, was gewöhnlich zurückgedrängt wird: dem, was keine Form hat, aber alle Formen bedingt; dem, was nicht sichtbar ist, aber das Sichtbare trägt; dem, was nicht erklärt wird, aber Sinn verleiht. Und wenn ich mit einigen Versen begonnen habe, so beende ich sie nun mit sehr konkreten, denen des griechischen Dichters Odyseas Elytis, Verse, die diese Serie überschreiben könnten: „Ich habe etwas Transparentes und Unverständliches zu sagen, wie der Gesang eines Vogels in Kriegszeiten.“


Kuratorischer Text: Rafael Doctor Roncero.

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